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Samstag, 1. April 2017

Wenn alle Sicherungen durchbrennen

Wieder einmal hatte ich Sitzwache auf der Säuglingsstation.
Ich lernte eine ganze Menge bei diesen Sitzwachen und konnte mich zwischendurch auf diverse Prüfungen vorbereiten.
Und, so nebenbei verdiente ich mir etwas Geld.

Zu dritt, allesamt Doktoranden der Kinderklinik, bemühten wir uns um die anfallenden Sitzwachen. Da wir fast täglich in der Klinik zu tun hatten, waren wir leicht erreichbar. Die Nachtschwestern und die Kinderärzte kannten uns, wir mussten nicht immer neu eingewiesen werden.
Mit anderen Worten, wir waren für diese Aufgaben gern gesehene Mitarbeiter.

Vor mir im Kinderbettchen lag das kleine Bündel Mensch, angeschlossen an diverse Schläuche. Immer wieder musste das Büblein über ein Tracheostoma, das ist ein Luftröhrenschnitt, gespült und abgesaugt werden, damit seine kleine Lunge nicht voller Schleim lief.

Oft schüttelten Hustenattacken den kleinen Racker, danach schlief er wieder für wenige Minuten. Wenn er aufwachte und die Lunge einigermaßen frei war, konnte er ganz ruhig atmen. Dann passierte es sogar, dass ein Lächeln über das blasse Gesichtchen huschte.

Uns wurde von erfahrenen Kinderschwestern immer und immer wieder eingebläut, keine persönliche Beziehung zu den kleinen Patienten aufzubauen. Besonders bei schwer erkrankten Kindern könne das unsere Psyche stark belasten.

 Wir hörten von jungen Krankenschwestern, die sich die Schicksale ihrer kleinen Patienten so zu Herzen nahmen, dass sie nicht weiter im Beruf arbeiten konnten. Sie zerbrachen an ihrem Mitgefühl.

Wer nicht mehr rational in so einer Situation arbeiten kann, der kann für einen Patienten zur Gefahr werden. Wer seinen Emotionen freien Lauf lässt, ist an einem Krankenbett fehl am Platz!

Das sind sehr harte Worte, aber aus meiner heutigen Erfahrung absolut zutreffend. Ganz besonders gilt dies bei Kindern.

Ich war schon die dritte Nacht an Manuels Bettchen. Von Tag zu Tag ging es dem Kind schlechter. All die Möglichkeiten einer hochmodernen Kinderklinik konnten seinen Zustand nicht stabilisieren.
Die Nachtschwester warnte mich bei Dienstantritt schon vor.


Gerade hatte ich die Lunge über das Tracheostoma abgesaugt und dem Büblein eine neue Windel verpasst, als ein Zittern durch das winzige Bündel Mensch ging. Mit Ärmchen und Beinchen fuchtelte und strampelte es ins Leere, durchgeschüttelt von Hustenstößen.
Die Bewegungen wurden langsamer, das Atmen flacher, ein letztes Mal schlug mein kleiner Patient die Augen auf, dann zeigte das EKG eine Nulllinie.

Der diensthabende Oberarzt stand neben mir.
Jedes gesprochene Wort war jetzt fehl am Platz.

Betretenes Schweigen. Die Nachtschwester schob das Kinderbettchen mit dem leblosen Körper aus dem Zimmer.


Der Oberarzt nahm sich Manuels Krankenakte und malte ein Kreuz mit seinem Kugelschreiber auf den Überwachungsbogen, dahinter schrieb er den Todeszeitpunkt.

Über dem Eintrag sah ich das Geburtsdatum.
Manuel war am gleichen Tag wie mein Sohn geboren.
Knapp sieben Monate waren beide alt.

Nun brannten bei mir alle Sicherungen durch!
Überstürzt lief ich raus in den Klinikhof.
Ich musste sofort nach Hause zu meinem Sohn!
Sofort!

Über fünf Stunden später und 450 Kilometer durch die Novembernacht hielt ich endlich, unendlich glücklich meinen Sohn in den Armen.


Ein Walzer am Morgen

Aus dem Kofferradio ertönte der Donauwalzer. Ich schnappte mir Schwester Ortrudis, dann schwebten wir im Walzertakt über den blitzeblank gewienerten Fußboden der Kinderambulanz.

Was war da los, fragten sich unsere ersten kleinen Patienten mitsamt ihren Müttern, Omas oder Papas?

Es war Halbacht und ich kam wie so oft um diese Zeit in die Kindersprechstunde, um mitzuhelfen.

Ich war während meiner Münchner Zeit viel in der Haunerschen Kinderklinik der Universität unterwegs, da ich dort meine Doktorarbeit schrieb.

Schwester Ortrudis sah, wie ich meine Badetasche mitsamt Kofferradio in irgendeiner Ecke deponierte.
Ich wollte nach getaner Arbeit zum Baden.

Alle Ordensschwestern sind neugierig. Ortrudis machte da keine Ausnahme.
Viel später erlebte ich noch viele Ordensfrauen, sie waren allesamt, ohne Ausnahme, neugierig.

Ortrudis schnappte sich das Radio und meinte, sie hätte auch so ein Ähnliches.
Dann drückte sie auf eine Taste und der Walzer ertönte.

Wir tanzten den Flur rauf und runter. Mal linksherum, mal rechtsherum. Ihr helles Lachen war ansteckend.
Als der Rundfunksprecher von Bayern 1 die Wetteraussichten verlas, hing Schwester Ortrudis an meinem Arm und lachte immer noch.

Sie war die gute Seele der Kinderambulanz. Eine wunderbare Ordensfrau, die all ihre kleinen Patienten liebte.
Wir verstanden uns prächtig.
Sie tätschelte meine Wange und meinte, das wäre seit langem mal wieder ein guter Einstieg in unsere Arbeit gewesen.

Dann richtete sie Ihren Schleier zurecht und rief die ersten kleinen Patienten in die verschiedenen Untersuchungszimmer. Viele kannte sie ohne Karteikarte mit Namen.

Mit einem 7 jährigen Mädchen musste ich nochmal Walzer tanzen. Sie stand die ganze Zeit auf dem Flur und klatschte im Takt, als ich mit Ortrudis die Runden drehte.

Dann kam Schwester Ortrudis mit den Röhrchen zur Blutentnahme. Sie setzte das Kind auf Ihren Schoß und desinfizierte die Ellenbeuge.
»Das hat nur ein ganz kleines Bisschen weh getan!«, sagte meine kleine Tanzpartnerin zu mir.
Ich war mächtig stolz auf Ihr Lob.

»Schau mal!«, dabei riss sie sich die Perücke herunter und streichelte über ihr nicht mehr ganz so kahles Köpfchen.
»Die kommen wieder!«, sagte sie stolz.
Dann setzte sie die Perücke wieder auf und meinte: »Die behalte ich trotzdem noch!«

Ich versprach Ihr, in einem Monat bei der nächsten Blutentnahme genau so behutsam zu sein.

Es kam nicht mehr dazu.
Die Leukämie war nicht mehr zu beherrschen.

Mittwoch, 29. März 2017

Kakteen und thüringer Bratwurst

An Pfingsten war Coburg angesagt.
Dort tagte jedes Jahr der Pfingstkongress der akademischen Landsmannschaften und Turnerschaften an deutschen Hochschulen, auch Coburger Convent (CC) genannt. Es war und ist heute immer noch der Dachverband der gleichnamigen Studentenverbindungen.

Auf der Fahrt drängelte Hoss solange, bis wir einen Abstecher in die Bundeswehrkaserne nach Veitshöchheim machten.

Der aufmerksame Leser meiner Geschichten weiß, dass wir beide dort vor unserem Studium während unserer Bundeswehrzeit einen Sanitätslehrgang absolvierten.

Er wollte unbedingt unseren damaligen Ausbilder, einen Oberstabsfeldwebel besuchen.

Wir gingen in den zweiten Stock der Sanitätsschule.
Direkt neben dem Eingang zum Hörsaal hatte besagter Oberstabsfeldwebel seine Kakteensammlung, die er jahraus jahrein liebevoll versorgte.
Dem Stundenplan, der neben der Eingangstüre hing, entnahmen wir, dass in zehn Minuten Pause war.
Wir warteten.
Um mir die Zeit zu vertreiben, betrachtete ich die vielen Kakteenarten, die auf mehreren Tischen herumstanden.





Dann hörte ich ein Plätschern.

Hoss pinkelte gerade über die Succulenten, wie die Kakteen in der Fachsprache heißen.
 Er zog seinen Reißverschluss hoch und meinte:
»So, das musste jetzt sein. Damals schwor ich mir, einmal über seine Kakteen zu pinkeln!«


Wir warteten nicht mehr auf den Oberstabsfeld und machten uns statt dessen aus dem Staub.

In Coburg bezogen wir eine Massenunterkunft in einer für den Kongress umfunktionierten Berufsschule.
Dann kam der Pfingstsonntagmorgen. Am Abend zuvor feierten wir ausgiebig mit vielen anderen Verbindungsstudenten.
In voller Montur, d.h. im dunklen Anzug, Krawatte und Couleurband verbrachte ich die Nacht auf einer Art Feldpritsche.
Als mir die Sonne ins Gesicht schien, blinzelte ich verschlafen in die Runde und fand mich samt Pritsche auf dem Coburger Marktplatz wieder.
Die hatten mich doch tatsächlich von der Berufsschule mitsamt Feldpritsche auf den Marktplatz geschleppt.
Um mich herum ertönte aus vielen Kehlen ein donnerndes »Guten Morgen!«

Nachdem ich mich erst mal sortiert hatte, verdrückte ich an einer nahegelegenen Wurstbude eine Thüringer Bratwurt und trank ein Bier dazu. Dann war die Welt wieder in Ordnung.
Um die nun leere Bettstatt sollten sich meine Transporteure kümmern, sie hatten schließlich schon Übung darinnen.

Coburg war über die Pfingstfeiertage im Ausnahmezustand. Es war sicher ein Streich unter vielen.

Dienstag, 28. März 2017

Eier sind so gesund!



Mein Freund Jürgen, den alle nur »Hoss« nannten, war das schwarze Schaf der Familie. Er passte nicht in ihr beschränktes bürgerliches Bild. Hoss war ein Revoluzzer, der so manch eingestaubte Norm über Bord warf und sich einen Dreck um kleingeistige Konventionen scherte.

Seine Familie lebte im Hochwesterwald mit Sichtkontakt zur Fuchskaute, mit 658 Meter die höchste Erhebung.
Sie betrieben eine Geflügelfarm, die jede Menge Hühnereier produzierte.
Sein Vater und sein jüngerer Bruder hatten eine Jagd. Das ist deshalb wichtig, weil ich darüber noch ein spezielles G’schichterl schreiben will.

Ein paarmal war ich in seiner Familie zu Gast. Hoss, der in Marburg einen 850er Fiat mit Schiebedach fuhr, riss sich gleich den 2002er BMW seines Vaters unter den Nagel, damit machten wir eine Spritztour durch die Dörfer.

Als wir Freitagabends in der gemütlich eingerichteten Wohnküche zusammensaßen, teilte sein jüngerer Bruder die Arbeit auf der Hühnerfarm für die kommende Woche ein.

Am Samstag musste der Wochenmarkt in Siegen bestritten werden.
»Das machen wir!«, meldete sich Hoss, der in seiner Familie natürlich nicht »Hoss«, sondern mit seinem« wirklichen Vornamen »Jürgen« gerufen wurde.

Es wurde eine kurze Nacht. Schon gegen 4 Uhr beluden wir den Sprinter mit Stapeln von Eiern. Jede Menge Zeitungspapier wurde eingeladen, dass die Woche über auch von den Nachbarn gesammelt wurde. Damals waren die typischen Eierkartons noch nicht in Mode und mit irgendwas mussten wir die Dinger ja einwickeln.
Um Punkt sieben waren wir verkaufsbereit.




Nun standen wir nicht einfach hinter unserem Eierstand. Wir machten sowas, was man heute »Performance« nennen würde.
Mit allerlei Sprüchen lockten wir die Kunden an, jonglierten mit den Eiern und verzapften so manchen Blödsinn. Das kam an.
Permanent war der Eierstand umlagert.
Wollte einer sechs Eier, schwatzten wir ihm zehn auf.
Zögerliche Marktbesucher ermunterten wir, Eier zu kaufen. Die seien sehr gesund und dank unserer Eier könne die Manneskraft enorm gestärkt werden. Das mit dem vielen Cholesterin war damals noch nicht so bekannt. Nette Damen bezirsten wir mit Komplimenten und lieben Omas legten wir noch ein Ei kostenlos obendrauf.

Wer schon mal auf dem hamburger Fischmarkt war, kann sich vorstellen, was wir abzogen.

Als am frühen Nachmittag der Marktbetrieb nachließ, nahmen wir unsere Eierkörbe und zogen durch die umliegenden Lokale.

Mit leerem Sprinter fuhren wir zurück. Alle, restlos alle Eier waren verkauft!
Jürgens Bruder kriegte sich nicht ein. »Wo habt Ihr die Eier alle gelassen?«
Hoss wäre nicht Hoss gewesen, wenn er nicht einen deftigen Spruch rausgelassen hätte.
»Lass gut sein Bruderherz, wenn man erfolgreich Eier verkaufen will, muss man mehr in der Birne haben, als Hühnerfutter und Eierpreise! Wir können das, Du nicht!«

Peng, das saß!«
Den Abend verbrachten wir in irgendeiner Dorfkneipe bei reichlich Bier und Doornkaat. Als es ans Bezahlen ging, ließ Hoss alles auf seines Vaters Rechnung schreiben.
Am Sonntagmorgen fuhren wir wieder gen Marburg. Hoss hatte von seiner Familie genug!

Sonntag, 26. März 2017

Hessisches Hinterland



Irgendwann bildeten wir uns ein, mal rauszufahren in das hessische Hinterland westlich von Marburg. Wir fuhren aufs Geratewohl los und landeten in Bad Endbach. Warum es gerade Bad Endbach war, wussten wir schon damals nicht.

Dort prangte uns, wenn ich mich Recht erinnere, am Ortseingang ein Schild entgegen.
Nein, nicht das Ortschild, das wäre ja albern zu erwähnen. Nein, da stand »Zum Fuchsbau« drauf. Es war eine Kneipe, natürlich war es eine Kneipe!
Sie gefiel uns recht gut, erst mal nur von außen, wenig später auch von innen.

In den Nachmittagsstunden war mäßig viel Betrieb und wir fanden drei Plätze am sehr geräumigen und daher gemütlichen Tresen. Die Barhocker hatten sogar Lehnen.

An solche Einzelheiten erinnert man sich noch nach Jahrzehnten, ist das nicht komisch?
Ganz unwichtige Dinge, auf die es gar nicht ankommt. Wir wären sicher auch dortgeblieben, wenn die Barhocker keine Lehnen gehabt hätten.

Es gab auch ein paar Fremdenzimmer, alldieweil Bad Endbach, wie der Name schon sagt, ein Kurort war und auch noch ist.
Da braucht es Fremdenzimmer für all die Leidenden und Geschwächten. So ein Fremdenzimmer mit Kneipe drunter machte aus so manchem müden Kurenden einen glücklichen Kurenden.

Nun musste zwischen mir und Hoss, der ja mit richtigem Namen Jürgen hieß, geknobelt werden. Gisela war außen vor, sie hatte keinen Führerschein.
Richtig, es ging um die Rückfahrt, immerhin etwas mehr als 30 Kilometer und dann noch unbekannte Landstraße. Da kennst Du jede Promille.

Erst diskutierten wir darüber, ob wir es mit »Stein-Papier-Schere« ausbaldowern sollten, oder mit Streichholzziehen.

Letztendlich vertrauten wir die Entscheidung den Karten an. Wer das erste Ass zog, war raus!
Hoss zog es!
Was er sofort mit einem neuen Bierchen feierte und ich stieg auf Apfelschorle um. Gisela war sowieso eher die »Vernünftige«, was den Alkohol betraf.
Keiner von uns rauchte, was man seinerzeit in den Kneipen noch ungehindert tun durfte. Der mittlerweile allseits bekannte »Raucherpapst« war damals nicht mal geboren.

Langsam füllte sich das Lokal. In den frühen Abendstunden wurde es hackevoll. Die meisten Gäste waren Kurgäste, wobei das männliche Geschlecht überwog.

An einem winzigen Tischen nahe am Tresen saßen zwei Mädels und tranken »Sonnenschein«. Das war ein Gesöff aus Libella mit Eierlikör drinnen. Wir prosteten ihnen zu und kamen so ins Gespräch.
Sie würden in der Zigarrenfabrik im Nachbardorf arbeiten.
»Als Zigarren-Dreherinnen?«, wolle ich von Ihnen wissen.
»Ja, als Zigarren-Dreherinnen!«, bestätigten sie unisono.

Es waren nette Mädels und ich verglich sie sogleich mit zigarrendrehenden feurigen Kubanerinnen. Da klappte nicht so hundertprozentig, die Mädels waren blond.

In der »hessischen Walachei« gab es eine Zigarrenfabrik und sogar eine renommierte, wie uns der Wirt bestätigte. Man lernt nie aus!

Es war überhaupt so, dass es damals in und um Marburg kaum dunkelhaarige Mädels gab. Von Pechschwarz will ich gar nicht erst reden. Nein allesamt waren sie hellblond oder dunkelblond, hellbraun und wenns hochkam mal brünett.
Schwarzhaarige Schönheiten gab es äußerst selten.

Heute sieht man häufiger dunkelhaarige Amazonen. Ich traue mich wetten, die meisten sind gefärbt. Das mit dem Haarefärben war damals um 1968/69 noch nicht in Mode, zumindest bei den Mädels nicht.

Gisela war dunkelhaarig. Ich will nicht sagen pechschwarz, aber deutlich dunkler als all die anderen Mädels. Aber Gisela war tabu, sie war unser bester Kumpel.

Ihre weiblichen Reize, die sicherlich vorhanden waren, nahmen wir zur Kenntnis, aber mehr auch nicht.

In der Wirtsstube war der Bär am Toben. All die Kreuzlahmen und Gelenksteifen liefen zur Hochform auf und ich armer Tropf saß vor meiner Apfelschorle.

Irgendwann im Laufe des Abends musste der Wirt Mitleid mit mir bekommen haben. Dass wir Studenten aus Marburg waren, wusste er sowieso schon.

Dann kam sein brillanter Vorschlag.
Er hätte da noch ein Dreibettzimmer frei, sogar mit eigener Toilette und Bad, das könnte er uns für einen Freundschaftspreis für eine Nacht überlassen.

Hoss und ich schauten Gisela an. Wir hatten nichts dabei!
Als wir sie immer eindringlicher anschauten, lachte sie und gab ihr ok.
Sofort bestellte ich mir ein Bier!

Der Wirt meinte, mit 10 DM sei er einverstanden. Wir waren es auch und Gisela bekam sogar ein Nachthemd von der Wirtin.

Ich muss es mal wieder zwischendurch erwähnen, es waren ausgelassene Zeiten, damals in Marburg und natürlich auch in Bad Endbach.

Jedenfalls bezogen wir kurz vor Mitternacht mit reichlich Bettschwere unser Zimmer. Gisela durfte als Erste ins Bad. Wir kringelten uns vor Lachen, als sie mit dem überdimensionierten Nachthemd herauskam.
Hoss und ich schliefen im Doppelbett und Gisela nahm mit dem Einzelbett vorlieb.

Das kurortspezifische Reizklima, es mögen auch die vielen Bierchen gewesen sein, versetzten uns in Bälde in Tiefschlaf.
Ich träumte von zigarrendrehenden Kubanerinnen mit blonden Haaren in geblümten Nachthemden.

Gisela beschwerte sich am nächsten Morgen, wegen unseres Schnarchens sei sie ein paarmal aufgewacht.

Sie hatte halt deutlich weniger Alkohol und das Reizklima alleine sorgte bei ihr nicht für den Tiefschlaf.

Mit einem winzigen bisschen Kopfweh wachte ich auf.
Es war nicht der Rede wert, nur der Vollständigkeit halber erwähne ich es.

Dann durfte das geblümte Nachthemd mit Inhalt wieder als erstes ins Bad. Wenig später stand unsere Gisela so vor uns, wie wir sie kannten!

Mit ein paar Kurgästen zusammen frühstückten wir in einem Nebenzimmer der Wirtsstube.

Ein herrlicher Tag blinzelte durchs Fenster.

Im D-Zug

Ich erzählte schon von der Kneipe in der Ketzerbach, die »Zum D-Zug« hieß.
Wir waren oft dort. Es gab knusprige Hähnchen mit Pommes. Wir mochten die jungen Wirtsleute Klaus und Beate. Da passierte es schon mal, dass wir uns verhockten.

Nach so einem Abend, es war schon finster, lud ich Giselas Fahrrad in meinen Kofferraum, um sie nach Hause zu fahren.
Ich sah noch, dass hinter mir einer mit der Lichthupe blinkte. Ich dachte, der wolle auf meinen Parkplatz, deshalb fuhr ich flugs aus der Parklücke und brauste davon.

Als wir schon eine Weile unterwegs waren, bemerkte ich, dass ich meine Tasche, die ich vor dem Einladen neben meinem Kadett abstellte, vergessen hatte.
Zurückfahren wollte ich nicht, da ich schon ein paar Bierchen zuviel hatte.
Die würde schon jemand finden und abgeben, dachte ich mir. Lebensnotwendiges war sowieso nicht drinnen.

Ich fuhr Gisela nach Hause und war wenig später in meiner Studentenbude.

Am nächsten Morgen sprach ich in der Polizeiwache vor und fragte nach meiner Tasche, ob die wohl jemand abgegeben habe.

Da kam ein junger Polizeibeamter auf mich zu:
»Ah, sie waren das! Ich sah Ihre Tasche neben dem Auto und blinke Sie mit der Lichthupe an, um Sie darauf aufmerksam machen. Als sie trotzdem weiterfuhren, nahm ich die Tasche an mich und fuhr ihnen nach, aber Sie waren zu schnell unterwegs. Ich konnte Sie nicht mehr einholen!«

Nach einem erleichternden Durchatmen meinerseits stellte ich mir das Szenario vor, wie es gewesen wäre, wenn der Beamte mich eingeholt hätte. Der Führerschein wäre weggewesen.

Das war das einzige Mal, dass ich in Marburg eine Promillefahrt hinlegte. Zum Glück ging sie glimpflich aus.
In der Ketzerbach gab es jede Menge Parkuhren. Ein schon älterer Polizeibeamter kontrollierte regelmäßig, ob die Uhren noch am Laufen waren. Waren sie es nicht, verteilte er seine Knöllchen.
Vom D-Zug aus konnten wir die Straße überblicken und jedesmal, wenn der Alte kam, sprinteten wir hinaus und warfen schnell ein Fünferl oder ein Zehnerl nach.

Einmal waren wir nicht achtsam genug. Da stand plötzlich besagter Gesetzeshüter im »D-Zug« und fragte uns, ob er für uns die Parkuhr füttern oder lieber ein Knöllchen ausstellen solle.
Wir gaben ihm schnell das Zehnerl, dass er sogleich für uns einwarf.
Auf seinem Rückweg luden wir ihn auf ein Bierchen ein.
Im Dienst würde er ja nichts trinken, er könne aber mal eine Ausnahme machen.

Freitag, 24. März 2017

Weichtier und Knöterich

Wer kann schon von sich behaupten, morgens um 4 Uhr (!) an einer vogelkundlichen Exkursion teilgenommen zu haben? Nicht einmal, sondern das ganze Sommersemester, jeden Freitag, morgens um 4!
Obwohl wir uns nur schwer von unserer Matratze trennen konnten, war es eine echte Bereicherung.
Zu dritt, Gisela, Jürgen alias Hoss und ich versäumten keine Einzige!

Wir verbrachten ganze Samstage bei Wildbachexkursionen in der Nähe von Bad Laasphe, westlich von Marburg und studierten Köcherfliegenlarven und all so ein Zeugs.

In den Lahnbergen widmeten wir uns der Pflanzenwelt vom Knöterich bis zur Sumpfdotterblume. Wir fanden sogar heimische Orchideenarten.

Es war eine tolle Zeit!

Da gab es einen Doktoranden am zoologischen Institut, der schrieb seine Dissertation über Schnecken. Dieser Mensch brachte uns in diversen Praktika die Vielfalt der Schmeckenpopulation näher.
Da gibt es welche, die stoßen sich während des Liebesspiels »Liebespfeile« in den Körper. Schnecken, zumindest alle Landschnecken, sind Zwitter, Sie vereinigen in sich zwei Geschlechter. Das hindert sie offensichtlich nicht daran, solche sarkastischen Begattungspraktiken anzuwenden.

Wenn besagter Doktorand so einen »Liebespfeil« zwischen zwei Fingern hielt und uns in blumenreicher Sprache den Zeugungsakt einer Weinbergschnecke erklärte, konnte man meinen, er würde selbst dabei einen Orgasmus bekommen!

Der sah auch so aus wie eine Schnecke. In echt! Er sah wirklich so aus!
Wenn wir ihn im zoologischen Institut zu Gesicht bekamen, dann garantiert mit jeder Menge Schneckenhäusern in den Händen. Er kannte sie alle!
Irgendwann, so glaubten wir, würde er selbst ganz zur Schnecke werden.
Seinen Spitznamen hatte er sowieso schon weg. Molluscus!
Vom dem lateinischen Wort »Mollusca=Weichtiere« abgeleitet.

Freitagsnachmittags 14 Uhr hatten wir Wirbellosenkurs.
Da kamen all die schleimigen und hässlichen Viecher dran.

Oft gingen Gisela, Hoss und ich vorher zur Stärkung in unsere Kneipe in der Ketzerbach, kurz vor dem Zoologischen.
Die Kneipe hieß »Zum D-Zug« und war dementsprechend eingerichtet.
Hoss schaute zu tief ins Glas, vielleicht erwischte er auch unter den vielen Bierchen ein schlechtes Bierchen.
Jedenfalls ging er mit reichlich Schlagseite in den Kurs.

Es dauerte bis er sein Mikroskop gerichtet hatte und dann zeichnete er die Umrisse eines Blutegels mehr schlecht als recht aufs Papier und sämtliche Innereien nicht in den Umriss hinein, sondern deutlich daneben.

Der Kursleiter wunderte sich und fragte ihn, was das soll.
Er habe seine eigene Anschauung, meinte Hoss, und überhaupt wäre das sowas von scheißegal, ob er das ganze Gedärmse daneben oder hineinzeichnen würde! Dem Blutegel selber sei das auch schnurzpipe.

Immer wieder wunderten wir uns, wenn der Prof auf der Tafel mit schlafwandlerischer Sicherheit die tollsten anatomischen Gebilde all der Viecher skizzierte.

Bis wir dahinter kamen, dass er vorher sehr zarte und für uns aus der Entfernung unsichtbare Hilfslinien und Punkte auf der Tafel vorzeichnete.

Wir passten ihn deshalb vor Kursbeginn ab und warteten, bis er sein Vorgemälde vollendet hatte.
Danach gingen wir in den Hörsaal und ruck zuck war alles weggewischt. Dabei stand Gisela Schmiere und ich wischte die Tafel trocken.
Nun harrten wir der Dinge, die da kamen.

Schon nach wenigen Minuten hielt er plötzlich vor der Tafel inne. Sein Gesichtsausdruck war für einen Moment ratlos.
Dann fixierte er uns drei, wir saßen in der dritten Reihe auf unserem Stammplatz.

»Wenn da mal nicht die Dreierbande am Werk war!«, sagte er mit ärgerlichem Unterton.
Gisela konterte: »Herr Professor, sie vermuten nur, wir wissen es!«
Er hat uns den Streich nicht nachgetragen und wir haben uns auch nie mehr an der Tafel zu schaffen gemacht.